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Brandlog 1 – Was tun, wenn’s brennt?

Mein Schlaf ist unruhig, die Luft riecht komisch, von draußen dringen merkwürdige Geräusche ins Schlafzimmer. Alles in allem keine untypische Nacht in Berlin. Irgendwann werde ich geweckt: Aus den merkwürdigen Geräuschen sind äußerst beunruhigt klingende Stimmen und aus komisch riechender Luft ist beißender Gestank geworden. Brandgeruch.

Wenige Minuten später stehen wir unten auf der Straße und ich habe dieses Foto gemacht:

Rückblickend bin ich etwas überrascht, wie seltsam unaufgeregt alles passiert ist, wie normal mir das alles vorkam, obwohl ich ja zumindest theoretisch in Lebensgefahr schwebte. Ich hatte mir deartige Katastrophen irgendwie anders vorgestellt, mich selbst darin sicherer und heroischer.

Als ich vom Balkon runterschaue, sehe ich wild gestikulierende und rufende Menschen auf der anderen Straßenseite. Außerdem sehe ich, dass das Wohnzimmer unter unserem brennt. Zum Glück sehe ich nur den Rauch, nicht die Flammen. Ich bemühe mich, trotz der alles in allem recht beunruhigenden Situation alles so ruhig und konzentriert wie möglich zu tun. Als erstes muss ich mich warm anziehen, denn draußen ist es kalt.

Beim Einsammeln der Katzen kommt es, trotz aller Bemühungen, Ruhe zu bewahren, zu tumultartigen Ausschreitungen. Unkooperatives Pack! Es hilft, dass wir die Transportbox seit dem letzten Tierarztbesuch im November nicht in den Keller geräumt haben. Keine Ahnung, wie wir die Tiere sonst rausbekommen hätten.

Der Rauch wird dichter, steht bereits in unserem Flur und macht sich bei jedem Atemzug unangenehm bemerkbar. Meine Bewegungen werden hektischer. Die Schnürsenkel mache ich nicht zu, ich stecke sie seitlich in die Schuhe. Jetzt noch Handy und Portemonnaie einstecken, die Schlüssel noch, damit wäre alles wichtige dabei.

Für das was jetzt kommt, hat mich Hollywood* all die Jahre akribisch vorbereitet: Ich mache ein Handtuch nass, halte es mir vor den Mund und das Atmen wird augenblicklich erträglicher. Wir betreten den Hausflur. Weil ich gelernt habe, dass man dem Feuer keinen Raum zum Atmen geben soll, schließe ich mit jedem Quäntchen Ruhe, dass ich noch aufbringen kann, die Wohnungstür ab. Der Qualm im Hausflur ist viel dichter aber noch nicht ganz blickdicht. Ein paar Feuerwehrmänner kommen uns entgegen. Eine Etage unterhalb der Brandwohnung kommt mir das nasse Handtuch wahnsinnig albern vor, ich kann wieder normal atmen.

Auf der Straße treffen wir unsere Nachbarn. Einer hat zwei unterschiedliche Hausschuhe an. Alle erzählen ihre Version der letzten Minuten, zwischendurch nimmt die Polizei unsere Personalien auf.

Die Wohnung direkt unter unserer brennt derweil munter vor sich hin ohne, dass irgendjemand etwas dagegen tut. Ich denke die ganze Zeit, dass da doch endlich mal jemand etwas tun müsste. Denkt denn keiner an meinen Hausrat? Statt dessen schwenkt der Leiterwagen zum Balkon der Wohnung nebenan. Die Nachbarin, die vor wenigen Wochen noch mit dickem Bauch durchs Treppenhaus gelaufen ist, steht jetzt dort mit ihrem Kind auf dem Arm.

Nachdem Mutter und Kind in Sicherheit sind, explodiert die Brandwohnung. Glasscherben fallen auf die Straße, wir werden gebeten ein paar Schritte zurück zu gehen. Mit jeder Explosion erlischt das Feuer etwas mehr und ich tippe auf Löschwasser, dass explosionsartig verdampft.

Der Zugführer von der Feuerwehr fragt mich nach meinem Wohnungsschlüssel und als ich diesen von meinem Schlüsselring fummel, zittern meine Hände. Kalt war mir nicht.

In unserer Wohnung geht das Licht an. Durch die Fenster erkenne ich Nebelschwaden im Wohnzimmer, dahinter laufen Feuerwehrmänner umher, die alle Fenster öffnen. Ich frage mich, was von meinem Hausrat noch in seiner ursprünglichen Form existiert.

In der Zwischenzeit haben Freunde von uns die Katzen abgeholt und uns ihren Wohnungsschlüssel dagelassen. Die Feuerwehr quartiert uns erst in einem ihrer Einsatzwagen, später in einem beheizten Bus ein. Wir unterhalten uns mit den Nachbarn aus dem 1. Stock und tauschen das erste Mal seit fast 5 jähriger Nachbarschaft unsere Namen aus.

Eine Polizisten fragt uns, was wir denn jetzt tun würden. Ich antworte, dass ich keine Ahnung hätte, das wäre immerhin gerade mein erster Hausbrand. Ich finde den Spruch unglaublich witzig und wiederhole ihn in den kommenden Tagen bei jeder Gelegenheit.

Irgendwann gegen 4 Uhr erklärt die Feuerwehr den Brand für gelöscht und gibt die nicht-ausgebrannten Wohnungen wieder frei. Abgesehen von dem unangenehmen Geruch und der abgestellten Gasetagenheizung hält die Feuerwehr unsere Wohnung für weitesgehend bewohnbar. Eigentlich können Se da jetzt och drin schlafen, wenns Ihnen det nich zu kalt is.

Eine Stunde später machen wir es uns in dem Gästebett unserer Freunde so bequem, wie es eben geht. Viel schlafen werden wir nicht…

* Und vielleicht die ein oder andere Brandschutzschulung, soll ja hier nicht verschwiegen werden.

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Kommentar

  1. Klingt spannend, wobei es das bestimmt nicht war. Wenn das im Nachhinein für die Betroffenen nicht so deprimierend wäre, dann müsste man sowas fast mal mitgemacht haben.

    Das mit dem Transportkorb zeigt mal wieder, wenn man zu ordentlich ist und immer gleich alles wegräumt, kann man auch Nachteile dadurch haben! Ich hoffe du liest das Mutti und verstehst jetzt meine Bedenken beim Zimmer aufräumen!

    Alles Gute euch Thomas, und wenn du mal Brise Duftkerzen brauchst, gib mir Bescheid.

    • Ach, spannend war es für den Moment. Das ganze Drana hinterher erschließt sich dann ja erst allmählich. Die Duftkerzen kannste behalten, aber schöne Grüße an deine Mutti 😉

  2. Ich hätte vor Aufregung beim verlassen der Wohnung bestimmt total unnützes Zeug eingepackt.
    Die Idee mit den Duftkerzen ist gut. Ich habe auch noch haufenweise Kerzen von der letzten Kerzenparty übrig.

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  • obat kanker bawang putih tunggal 30. Januar 2012

    obat kanker payudara stadium 4

    nice information

  • Brandlog 3 – Leerraum | sixumbrellas 30. Januar 2012

    […] ist der Brand ziemlich genau zwei Wochen her und wir stecken immer noch mitten drin in der Katastrophe. Na, […]

  • Die Tage danach | sixumbrellas 30. Januar 2012

    […] Was tun, wenn’s brennt? → […]