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Singapur

Ein Besuch in der Stadt des Löwen war eigentlich schon lange überfällig. Einer meiner ältesten Freunde – nennen wir ihn H. – verbrachte dort ein paar Jahre als Postdoc und hat sich als Local Guide angeboten. Leider verschlug es uns in den letzten acht Jahren nicht mehr in diese Ecke des Globus. Um uns doch noch nach Südostasien zu nötigen, griff H. zu einem perfiden aber effektiven Trick: Er lud uns zu seiner Hochzeit ein.

Singapur
Singapur

In Singapur ist es warm. Ich war auch vorher schon an Orten, wo es warm ist, aber noch nirgends hat mich das so überfordert wie in Singapur. Es mag an der Luftfeuchtigkeit liegen, die recht hoch ist. Manchmal regnet es auch kurz, oder wie wir in Europa sagen würden: Jemand macht einen Aufguss. Es ist wirklich nicht leicht, eine Stadt zu erkunden, wenn es einem physikalisch versagt wird, ins Freie zu treten.

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Skyline von Innen

Die Singapurer haben sich an die Klimasituation angepasst und ihr gesamtes Leben in den klimatisierten Untergrund verlagert. Ich bin fest davon überzeugt, dass Singapur die erste vollständige Maulwurfzivilisation der Welt hervorbringen wird. Man kann den Großteil der Wege durch die Stadt unterirdisch hinter sich bringen. Die U-Bahn (MRT genannt) führt einen zu allen Malls, zu vielen Hotels und zu allen Sehenswürdigkeiten. Letztere sind vielleicht der einzige Grund, warum man als Tourist doch noch an die Oberfläche muss.

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Klimaanlagen – von draußen übrigens sehr laut

Auf der anderen Seite ist es manchmal auch angenehm, sich draußen kurz aufzuwärmen, da sich die Singapurer offenbar nach einem Leben in der Nähe des Polarkreises sehnen. Die Klimaanlagen kennen offenbar nur die Einstellung sibirischer Winter. Es ist kompliziert.

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Buddha Tooth Relic Temple and Museum in Chinatown

Dabei ist die Stadt dort, wo es vorgesehen ist, sie zu erkunden, wirklich schön. Man findet spannende Stadtviertel, wie z.B. Chinatown, wo sich historische Tempel, Foodcourts und Wolkenkratzer das Stadtbild teilen. Dann sind da die Parks, die einen Ausgleich zum Metropolismus der Wolkenkratzer und vielspurigen Straßen schaffen. Irgendwo gibt es noch eine ganze Insel, die sich nur dem Spaß verschrieben hat und einen Dschungel, den man erwandern kann. Für zwei der zuletzt genannten Sachen hatten wir keine Zeit mehr, aber der Rest war wirklich schön.

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Supertrees

Gardens by the bay ist eines der naheliegendsten Ziele als Touri, da sie mit ihren Supertrees eines der beiden Wahrzeichen der Stadt bilden. Der Park ist sehr weitläufig und mit der Kulisse der Supertrees und des Marina Bay Sands (<- das andere Wahrzeichen!) recht spektakulär. IMG_20160729_172422
Flower Dome

Besonders beeindruckend waren die beiden Kuppelbauten Flowerdome und Cloudforrest, die man sich vielleicht als riesige Gewächshäuser vorstellen kann – allerdings mit einer Art Anti-Treibhauseffekt, denn drinnen wird angenehm klimatisiert. Ich glaube, die Supertrees sind eigentlich nur Lüftungstürme für die Klimaanlagen der beiden Domes.

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Cloud Forrest

Meine Theorie ist ja, dass die beiden Bauten eine Art Prototyp darstellen, um vielleicht irgendwann die komplette Stadt klimatisiert zu überkuppeln, falls das Modell Maulwurfzivilisation scheitert. Ich halte das für sehr plausibel.

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Lichtshow

Abends machen die Supertrees eine Lichtshow. Das hat mich stark an die Symphony of Lights in Hong Kong erinnert, nur mit mehr Pathos. Während die Baumstrukturen interessant vor sich hinleuchten und blinken, schmettert es einem musikalisch um die Ohren, wie sehr man Singapur doch lieben müsse und wie toll das alles doch wäre. Da hätte ich mir einen Hauch mehr Coolness gewünscht, aber für den ESC dürfte es reichen.

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Wahrzeichen

Wenn man mit der Hitze draußen irgendwie klar kommt, sollte man sich auf jeden Fall noch den Botanischen Garten und die Southern Ridges anschauen.

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Dschungel im Botanischen Garten

Der Botanische Garten ist ziemlich riesig und man findet dort alle Pflanzen in freier Wildbahn, die man sonst nur in der Pflanzenabteilung bei IKEA stehen sieht. Innerhalb des Botanischen Gartens gibt es noch einen Orchideengarten, eine Art Park im Park der einen Fünfer Eintritt kostet, den aber tatsächlich wert ist, selbst wenn man sich wie ich kaum für Orchideen interessiert.

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Großer Waran

Das eigentliche Highlight im Botanischen Garten waren aber die Warane und Echsen, die da überall frei rumlaufen. Die Tiere lungern dort in zum Teil respekteinflößender Größe in den Gebüschen so zahlreich rum, dass man eine Umbenennung des Botanischen Gartens in Tierpark ernsthaft in Erwägung ziehen sollte.

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Nicht füttern!

Anders als in den Southern Ridges, wo es zwar regelmäßig Schilder gibt, die einem das Füttern der Affen verbieten, sich aber weit und breit kein Affe sehen lässt. Abgesehen von ein paar Eichhörnchen und Katzen muss man sich dort auf die Schönheit der Natur und der Aussicht konzentrieren, was aber auch funktioniert, da der Wanderweg mehrere zum Teil sehr unterschiedliche Parks verbindet.

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Weeding Shooting im Hort Park

Erst geht’s hoch zur Aussicht vom Mount Faber, dann wandert man etwa 60 Meter über dem Verkehr auf den Henderson Waves, ein wenig später lustwandelt man durch den Hort Park, wo man kaum drei Schritte gehen kann, ohne ein Wedding-Shooting zu stören und gegen Ende hat man noch einen kleinen Baumkronenpfad zu bewältigen. Protipp: Macht besonders viel Spaß, wenn im Hintergrund ein nahendes Gewitter den Soundtrack dazu spielt.

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Gewitter über den Henderson Waves

Für Singapurer fällt sowas wie Wandern aber eher in die Kategorie exotischer Zeitvertreib. Möchte man sich dem echten singapurischen Leben nähern, dann stehen zwei Aktivitäten ganz oben auf der Liste: Shoppen und Essen.

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Aussicht vom Mount Faber

Ich behaupte mal, Singapur ist die Stadt mit der höchsten Mall pro Kopf – Dichte. Man hat wenig Chancen, sich dem zu entziehen: Fast jede MRT-Station liegt in einer Mall, so dass der Ausgang aus der Bahn unweigerlich direkt in einer der unteren Etagen eines Shoppingcenters endet. Da die Einkaufscenterarchitektur sehr strenge Verbote von geraden Wegen und rechten Winkeln mit sich bringt, hat man anschließend sofort seine Orientierung verloren und shoppt halt solange durch die Gegend, bis man wieder Tageslicht erblickt.

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Baustellenromantik – Hier wird keine Mall gebaut, sondern ein Krankenhaus

Wir sind aus Versehen an einem Sonntag nachmittag in einer Mall gelandet und lasst es mich so formulieren: Bei der Loveparade ’96 hatte ich mehr Bewegungsfreiheit. Gelegentlich wurde die Zelebrierung des Shoppings auch ein wenig absurd: Vor einer Bankfilialie hat Deadpool zu wummernden Beats Luftballontierchen für Kinder gebastelt und auf einer großen Bühne mitten in der Mall haben sich hunderte Menschen für eine Charity-Aktion den Kopf kahl scheren lassen – Make a bald statement! Herrlich.

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Kunstwerk vor einer Mall

Schließlich ist da noch das allerwichtigste überhaupt in Singapur: Essen.

Essen ist einfach allgegenwärtig in der Stadt. Man wird überall damit konfrontiert, es riecht überall nach Essen, sei es nach frisch zubereitetem oder nach den in der Hitze vergammelnden Resten.

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Kunst im ArtScience Museum

Essen kommt dort in allen Formen und zu allen Preisen. Eine der lokalen Besonderheiten Singapurs sind die sogenannten Hawker Center: Eine meistens überdachte Ansammlung verschiedenster Imbisstände. Die Auswahl an Gerichten ist enorm vielfältig und reicht von Fischkopfsuppe über Pekingente und Chilikrabben bis hin zu originaler europäischer Küche. Darunter verstehen die dort übrigens Pasta.

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Maxwell Hawker Center

Man sollte sich etwas mit den Abläufen in diesen Hawker Centern vertraut machen: Erst Sitzplatz suchen und dann abwechselnd lostoben und Essen ranschaffen*. Wenn man außerhalb der Stoßzeiten hingeht, macht es etwas mehr Spaß und man muss nicht um seine Sitzplätze kämpfen.

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Das Wahrzeichen der Stadt des Löwen

Es ist nicht ganz leicht, sich auf die vergleichsweise fremde Küche einzulassen, aber nach meinem Empfinden ist das alles ziemlich essbar und lange nicht so abgefahren exotisch, wie ich das z.B. in China erlebt habe. Beispielsweise habe ich nirgendwo zerhackte Knochen im Essen gehabt – gibt’s sicher auch in Singapur, ist mir aber nicht begegnet, während uns das in China öfter mal aufgetischt wurde. Das ist auch ganz im Sinne der Singapurer, die zwar zu etwa 70% chinesischer Abstammung sind, sich aber gerne und deutlich von den Festlandchinesen distanzieren.

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Kaffee und Cocktails gibt es auch in Singapur

Singapur hat eine sehr lebendige Kaffeekultur, die würde ich teilweise sogar als exotisch und fremd bezeichnen. Einerseits haben sie ihren einheimischen Kaffee, eine Art Instantkaffee der gerne mit süßer Kondensmilch getrunken wird und als wäre das nicht exotisch genug, tobt sich dort auch die Third Wave Coffee – Bewegung aus, was zur Folge hatte, dass ich einmal einen Espresso mit Tonic vor mir stehen hatte. Sehr fremd und exotisch das alles. Ehrlich.

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Hohe Häuser – Aussicht vom Pinnacle

In Singapur stehen sehr viel hohe Häuser und es kommen auch ständig neue dazu. Das lässt einen auf die Idee kommen, mal auf eines davon hoch zufahren und die Aussicht zu genießen. Dazu gibt es viele Möglichkeiten, wir haben zwei davon ausprobiert.

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Panorama von der Level 33 – Terasse

Zunächst waren wir in der Level 33 Brauerei, einer Brauerei, die in der 33. Etage des Marina Bay Financial Center 1 (oder so ähnlich) liegt. Die Aussicht von da oben ist klasse. Man sieht schön in die Stadt hinein, das prominente Marina Bay Sands und rechts auch noch die nächtlich beleuchtete Geisterflotte im Meer. Diesen Ausblick kann man von einer offenen Terasse aus genießen, während man sich durch die selbst für singapurische Verhältnisse gnadenlos überteuerten Biere der Brauerei testet. Leider sind die Biere nicht sonderlich gelungen, daher gibt es ein wenig Punktabzug.

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Ausblick über den Hafen vom Pinnacle

Noch cooler hat uns die Aussicht vom Pinnacle gefallen. Das ist offenbar eine Art Sozialbau ein großes Haus im Herzen von Chinatown, das ganz oben eine riesige Skybridge hat. Der Zugang ist auf eine Tagesquote von Besuchern limitiert, weswegen man vielleicht nicht bis abends warten sollte mit dem Besuch, andererseits waren wir da den Vormittag über quasi allein, der Andrang hält sich offenbar in Grenzen und Sonnenuntergänge sind von da oben vielleicht auch sehr schön. Der Eintritt kostet nen Fünfer, aber das geht ziemlich Ok.

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The Pinnacle von unten

Während unserer Zeit in Singapur liefen die Vorbereitungen auf den Nationalfeiertag am 9. August bereits auf Hochtouren. Kein Witz: Schon Wochen vorher wird jeden Samstag eine Generalprobe auf die Feierlichkeiten am Tag des Tages durchgeführt, was die Aufführung des kompletten Programms inklusive Feuerwerks mit einschließt. Während einer solchen Generalprobe mit Feuerwerk, von der wir erst im Nachhinein erfuhren, saßen wir in einem ansonsten leeren chinesischen Restaurant in einer ansonsten sehr toten singapurischen Mall. Als wir das Restaurant verließen – eine Weile nach besagtem Feuerwerk – war es bis zum Rand gefüllt und befand sich plötzlich in einer sehr lebhaften Mall. Feuerwerk scheint recht gut zu gehen, da drüben, auch wenn unsere Gastgeber fest davon überzeugt waren, dass das lange nicht so cool wäre, wie zum Beispiel in einem leeren chinesischen Restaurant zu sitzen.

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Vorn Chinatown, dahinter Hochhäuser

Patriotismus trieft in Singapur so ziemlich aus jeder Pore. Klar, zum Nationalfeiertag werden alle Gebäude großflächig mit Flaggen geschmückt. Aber Singapur ist eine sehr junge Nation und man hat das Gefühl, dass sie sich noch bei jeder Gelegenheit beweisen möchte. Es fällt mir schwer, mein Gefühl diesbezüglich in Worte zu fassen, aber überall, wo man mit dem offiziellen Singapur in Berührung kam, legte es sehr viel Wert darauf zu betonen, wie modern und fortschrittlich und toll es ist. Dieses unkritische Selbstbild fühlte sich nicht immer gut an.

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Grashhüpfer

Glücklicherweise sind da noch überall die Spuren des britischen Kolonialismus, linksfahrende Autos und jede zweite Straße heißt irgendwas mit Raffles oder Fullerton oder so. Nicht, dass ich den Kolonialismus prinzipiell gutheißen möchte, aber der Einfluss der Briten damals verleiht der Stadt heute den gewissen Charme.

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Victoria Theatre & Concert Hall

Ach ja, da war ja noch eine Hochzeit. Bei der Vorbereitung auf diese Hochzeit habe ich mich stark an unsere Erlebnisse in China vor acht Jahren erinnert. Die Rituale sind im Wesentlichen die gleichen: Vormittags wird die Braut abgeholt (das heißt dann Gatecrashing), dann findet die Trauung statt und am Ende feiert man mit viel Essen.

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Feuerwehr

Die beiden größten Unterschiede zu China waren die Sprache und das fehlende Chaos. Während wir in China kaum ein Wort von dem verstanden, was um uns herum vor sich ging, konnten wir in Singapur recht gut alles verstehen, da hier ausschließlich auf Englisch kommuniziert wurde. Und dann war der Ablauf an sich auch stringenter geplant oder wurde auch eingehalten.

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Kunst

Als ich morgens um acht (!!!) in meiner Hotellobby ankam, warteten bereits Bräutigam, Trauzeuge der andere Groomsmen** und Rolls Royce. Ein Moment der Unachtsamkeit wenige Wochen vor der Hochzeit hat mir eingebrockt, dass ich beim Gatecrashing als aktiver Mitspieler dabei war. Vielleicht war es nicht so klug, ohne vorherige anwaltliche Konsultation einfach so am Telefon Ja zu sagen.

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Street Art – Selten, aber gibt’s

Beim Gatecrashing geht es irgendwie darum, die Braut zu befreien, was durch eine Mischung aus Bestechung und dem Erfüllen von extrem würdevollen Aufgaben passiert. Die Bestechung überreicht der Bräutigam den Brautjungfern in den üblichen roten Umschlägen, die würdevollen Aufgaben stellen die Brautjungfern dem Bräutigam und seinem Gefolge. Die Braut ist währenddessen eingesperrt im Schlafzimmer und beobachtet und kommentiert das niveauvolle Treiben via Facetime.

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Mehr Kunst

Zu den würdevollen Aufgaben gehörte ein kleiner Geschicklichkeitstest, eine spontane Tanz-Performance und chinesisches Karaoke. H. und mich verbindet eine eindrucksvolle gemeinsame musikalische Historie. Jedenfalls: Es grenzt an ein Wunder, dass unser Auftritt keine diplomatische Krise nach sich zog. Echt schade, dass es kein Video davon gibt…

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Orchideen im Flowerdome

Ganz drollig war die eine kulinarische Aufgabe, die man uns stellte: Wir mussten zu dritt die Portionen aus vier verschiedenen Geschmacksrichtungen runterbringen – sauer, süß, bitter und scharf, so schmeckt das Leben! Weil wir nun aber Europäer waren, denen man nicht allzu viel zutraute, war das alles sehr harmlos und nett gehalten. Etwas Balsamico-Essig, irgendwas mit aufgelösten Gummibärchen und Schokolade und das Scharfe am Ende waren sehr nette eingelegte Chilis. Einzig die bittere Komponente hat uns etwas zu schaffen gemacht, das war ein undefiniertes Gelee mit ein paar grünen Gemüsestückchen drin. Keine Ahnung was das war, aber ich habe kurz überlegt, das Wohnzimmer der Brauteltern Jackson-Pollock-Style umzudekorieren.

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Orchidee im Botanischen Garten

Man war uns im Nachhinein sichtbar dankbar, dass wir dieses Spiel mitgespielt haben, so wie wir auch dankbar waren, dass man die Aufgaben für uns entsprechend entschärft hat. Es sei wohl nicht unüblich, dass das Spektakel tatsächlich auch mal in Tränen und Erbrochenem enden.

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Kunst im Botanischen Garten

Die Trauung und das anschließende Gelage fanden im Fullerton Hotel statt, wohin wir im Auto des Kameramanns übersetzten, der mit seinem Getriebe auf Kriegsfuß stand. Den Rolls Royce hat das Brautpaar für sich beansprucht. Ort der Trauung war eine Art Zwischendeck im Lichthof in der 5. Etage. Ehrlich gesagt fand ich die Location eher ungünstig, da der Lichthof verdammt warm war. Um das zu kompensieren, liefen da ein paar Klimaanlagen um Bereich herum, in dem die Veranstaltungen vorgesehen waren. Stand man im Strahl einer solchen Klimaanlage, war es ok, stand man ein Meter daneben, war es zu warm. Aber egal, wo man stand, die Klimaanlagen waren laut. Aber gut, die Alternativen irgendwo im Freien ohne Klimaanlage (z.B. im botanischen Garten) wären tödlich gewesen, daher sollte mir das recht sein.

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Waran im Botanischen Garten

Die Trauung selbst war erfrischend. Die Standesbeamte hat eine ganz gute Show abgeliefert und das Brautpaar auf sehr unterhaltsame Weise vermählt. Manch einem der europäischen Gäste mag das nicht würdevoll genug gewesen sein, aber das kann man wohl unter kulturelle Differenzen verbuchen. Mir hat’s gefallen, soweit ich sowas über Hochzeiten sagen würde.

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Fort Canning Park

Was auffällt: Es wird wahnsinnig viel inszeniert, aber nicht für den Akt an sich, sondern für die Kamera. Nach der Trauung findet eine Teezeremonie statt, bei der Braut und Bräutigam dem jeweils engeren Teil der Familie Tee eingießen und reichen. Wenn ich an Teezeremonie und Asien denke, dann denke ich an eine gewisse Besinnlichkeit, Stille, Konzentration, Meditation – eben an alle Klischees die man eben kennt, Shaolin, Samurai, Kung-Fu usw. Nichts könnte weiter von der Realität entfernt sein: Es ist ein hektisches Gewimmel von sehr vielen Menschen, die vom Fotografen für das perfekte Foto in die richtigen Positionen dirigiert werden.

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Tempeltor in Chinatown

Als Europäer ist man dann ein wenig irritiert und denkt sich: Na, so sind sie eben hier in Singapur. Man ist ja weltoffen und tolerant, da lächelt man und alles ist gut. Aber es gibt Grenzen. Irgendwo muss man schließlich die rote Linie ziehen! Und ich ziehe diese Linie ganz klar bei Torte! Torte wird nicht inszeniert! Torte ist real! Torte wird gegessen, verdammt nochmal!

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Chinatown

Man kann sich das nicht vorstellen, aber da steht eine mehrstöckige Hochzeitstorte auf der Bühne und das Brautpaar schneidet diese Torte an und wird dabei fotografiert und dann war es das. Weder wird das angeschnittene Stück gegessen, noch irgendein anderes! Es wird nicht mal aus der Torte raus genommen! Die Torte ist nur Dekoration! Nur Requisite! Ich weiß bis heute nicht mal, ob die Torte wirklich echt war. Das hat mich mitgenommen und ich weiß nicht, wie lange ich brauche, um dieses Trauma zu verarbeiten.

(Update: Wie mir inzwischen alle anderen Teilnehmer der Party berichten, war die Torte tatsächlich nicht echt. Über die genaue Materialzusammensetzung herrscht Uneinigkeit, aber es war eine reine Requisite, bei der man nur fürs Foto das Messer an eine vorgefertigte Kerbe hält.)

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Tempel in Chinatown

Die Sache mit der Torte und der Bühne war dann schon in dem Festsaal, in dem das Essen stattfand. Ein großer Saal mit großen runden Tischen für ca. 140 Leute. Während das Essen serviert wurde, gab es auf der Bühne ein wenig Programm, das von der Freundin der Braut moderiert wurde. Unter anderem haben Braut und Bräutigam eine Rede gehalten, sie zum Teil sogar auf Deutsch, er ein wenig auf Chinesisch. Es gab den unvermeidlichen*** Kostümwechsel der Braut (weiß zu blau) mit anschließendem zweiten großen Einmarsch zu Musik und Bodennebel. Es wurde Champagner entkorkt, mit dem der engere Kreis auf der Bühne angestoßen hat – aus mir unerfindlichen Gründen hatte ich aber Ginger Ale in meinem Glas. Und dann sang die Braut ein Lied, was ziemlich beeindruckend war.

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Cloud Forrest

Irgendwann um 15 Uhr herum war der Spuk vorbei. Nach deutschen Maßstäben schwer vorstellbar, wo man schief angesehen wird, wenn man eine Hochzeit vor 0 Uhr verlassen möchte, aber chinesische Hochzeiten enden mit dem Essen. Das war uns nicht neu und hat auch niemanden gestört. Ich wurde schon ein paar mal gefragt, ob sich das denn gelohnt hätte, dafür den weiten Weg auf sich zu nehmen, aber die Frage ist natürlich vollkommen falsch. Es ging darum einem guten Freund zur Seite zu stehen, während er den vielleicht wichtigsten Schritt seines Lebens geht, das hat mit der Feier an sich ja nichts zu tun.

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Rundes Blatt

Außerdem war es mal wieder ein sehr spannender Blick mitten rein in eine vergleichsweise fremde Kultur. Es ist spannend, die Gemeinsamkeiten und Unterschiede zu beobachten und vor allem dann, wenn man auch mit Insidern unterwegs ist.

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End Of Work Zone

Singapur war am Ende wieder eine sehr intensive Erfahrung. Ich habe mich sehr oft an Hong Kong erinnert gefühlt, allerdings mit dem Unterschied, dass Singapur sich etwas extremer anfühlt. Wir waren nur eine Woche dort, aber haben soviel erlebt, dass ich hier gefühlt nur die Hälfte von allem wiedergeben konnte. Ich glaube, es ist keine Stadt in der ich leben wollte, aber ich bin sehr dankbar dafür, dass ich sie besuchen durfte.

* Die Einheimischen markieren ihren Tisch auch gerne mal mit einem Regenschirm oder einer Packung Taschentücher, damit alle gleichzeitig Essen holen gehen können. Das scheint eine der wenigen Gelegenheiten zu sein, bei der man mit dem deutschen Handtuchtrick sogar goldrichtig liegt.
** Könnte man leichtfertig mit Trauzeuge übersetzen, aber das trifft es offenbar nicht ganz.
*** Normal sind wohl drei verschiedene Kleider während der Hochzeit, nicht selten gibt es bis zu fünf.

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Kommentar

  1. Deine Erschütterung über die Torte kann ich sehr gut nachvollziehen. Die Torte war nicht echt. Die war sogar wieder verwendbar. Die „Schnittstelle“ war mit einer flexiblen Masse ausgefüllt. Kascha hat sogar ein Foto davon. Ich weiß allerdings nicht, ob das dein Tortentrauma nicht noch verschlimmert.

  2. Sehr schöne Bilder und besonders deine Kommentare waren herrlich. Ich habe mich wie immer amüsiert. Bei der Beschreibung der Hochzeit und besonders der Teil mit der Torte habe ich gelacht. Danke für deinen Reisebericht.