in real life

Eine Zugfahrt

Vor ein paar Wochen waren wir mal wieder in England wandern – im Lake District, um genau zu sein. Wenn ihr meinem digitalen Treiben ansatzweise folgt, werdet ihr sicher ein paar der Bilder dieser großartigen Landschaft gesehen haben. Ich tue eigentlich alles dafür, dass ihr da keine andere Wahl habt.

Im Lake District waren wir vor zwei Jahren schon mal, aber praktischerweise gibt es dort noch mehr Wanderrouten, so dass man sicher noch ein paar mal da rumwandern und -klettern kann, ohne sich großartig zu wiederholen. Aber es soll hier nicht um das Wandern dort gehen, sondern um das Reisen dahin.

Anders als vor zwei Jahren sind wir dieses Jahr die komplette Strecke mit dem Zug gefahren, auf dem Hinweg also von Berlin nach Ulverston und auf dem Rückweg von Windermere nach Berlin. Und weil das einigermaßen ungewöhnlich war, schreibe ich jetzt einen sehr langen und wenig spannenden Text darüber.

Die Verbindung

Die beste Verbindung für uns war Berlin – (ICE) – Köln – (ICE) – Brüssel – (Eurostar) – London – (Virgin) – Lancaster – (Northern Line) – Ulverston. Der Rückweg sah ganz ähnlich aus, nur dass wir in Windermere gestartet sind und schon in Oxenholme in den Virgin-Schnellzug umgestiegen sind.

Die Besonderheit bei der Fahrt nach England ist natürlich die Fahrt durch den Tunnel mit dem Eurostar. Dort gelten ein paar gesonderte Regeln für Security und aus mir völlig unbekannten Gründen gibt es eine Zollkontrolle und dadurch eben auch Duty Free Shopping. Yeah. Das fühlt sich dann kurz so an, als würde man fliegen, inklusive der fehlenden Beinfreiheit im Eurostar. Nur die Aussicht im Tunnel hält nicht ganz mit.

Dauer

In beide Richtungen ist man ca. 15-16h unterwegs und muss vier mal umsteigen. Das klingt erstmal viel und nervig, aber wenn man genauer hinschaut, relativiert sich der Unterschied zum Flieger etwas.

Reine Flugzeit von Berlin nach Manchester sind etwas über 2h. Dazu kommt die Anreise zum Flughafen (1h), Check-In und Sicherheitskontrolle im Flughafen plus Sicherheitspuffer (etwa 2h), Check-Out am Zielflughafen und Fahrt zum nächsten größeren Bahnhof (etwa 1h) und dann ist man auch erst in Manchester und muss von da aus noch zum Zielort kommen (nochmal 2h). Rechnet man also Tür zu Tür zusammen, kommt man bei einem Flug auf etwa 8h. Ich habe jetzt keine genaue Verbindung rausgesucht, da kommen sicher nochmal Umsteige- bzw. Wartezeiten dazu.

Im Endeffekt ist man mit dem Zug in dem Fall also etwa doppelt so lange unterwegs. Das ist immer noch viel, klingt aber nicht mehr so dramatisch, wie achtmal so lange.

Preis

Bahnfahren ist definitiv ein Luxus, den man sich leisten können muss, auch wenn sich das selten so anfühlt. Ich glaube, wenn man regulär die Tickets bucht, ist man bei dem Tripp schnell 400€ oder mehr pro Person hin und zurück. Zum Vergleich: Der Flug hin und zurück kostet etwa 160€. Jetzt sind beides aber noch nicht die endgültigen Zahlen. Beim Flug kommen ja gerne noch tolle Gebühren für das Gepäck dazu, außerdem muss man ja jeweils noch zum Flughafen bzw. von Flughafen zum Zielort kommen. Da Bahnfahren auch in England sehr teuer ist, kommen da nochmal 80€ pro Person hinzu. Ich runde jetzt mal über den Daumen, dass man also pro Person hin und zurück irgendwas zwischen 250 und 300€ für die Reise veranschlagen müsste – je nachdem, wann man bucht und welche Angebote man bekommt, kann das in beide Richtungen stark variieren.

Das mit den Angeboten gilt natürlich auch für die Bahn. Außerdem gibt es da noch den Interrail Pass, mit dem man hier etwas tricksen kann. Ein Drei-Tages-Pass kostet regulär 290 € und ermöglicht es, an drei Reisetagen innerhalb eines Monats beliebig durch Europa zu gondeln. Leider war das Wörtchen beliebig gerade ein dreiste Lüge – die Bedingungen für den Interrail Pass sind vielfältig und fantasievoll – aber im Grunde ist das das Konzept dahinter. Man könnte also sehr leicht noch ein paar Übernachtungen unterwegs z.B. in London oder Brüssel einplanen und hätte keine Extrakosten für die Zugfahrt.

Das war für uns nicht von Interesse, wir haben den Interrail Pass jetzt nur zur Kostensenkung bei der direkten Strecke genutzt und nur zwei der drei möglichen Reisetage verbraucht. Außerdem hatten wir Glück, dass wir bei einem Angebot zuschlagen konnten und nur 200€ pro Person gezahlt haben. Leider kommen dabei trotzdem noch Extrakosten für Zugreservierungen hinzu. In einigen Zügen ist das eine freiwillige Entscheidung und z.B. beim deutschen ICE mit 4,50€ pro Zug und Person auch verschmerzbar. Bei Eurostar ist die Reservierung allerdings Pflicht und schlägt mit 30€ pro Fahrt und Person zu Buche, natürlich plus Buchungsgebühr.

Im Endeffekt haben wir also etwa 275€ pro Person für Hin- und Rückreise gezahlt. Das deckt sich jetzt fast mit dem Preis für die Variante mit dem Flugzeug, liegt aber auch daran, dass wir etwas Glück mit dem Interrail-Angebot hatten. Aber die Größenordnungen liegen jetzt nicht so katastrophal weit auseinander. Immerhin.

Verspätungen

Jetzt hat die Bahn nicht so den Superruf, was Verlässlich- und Pünktlichkeit angeht. Das gilt übrigens sowohl für die Deutsche Bahn als auch für die britischen Linien. Ehrlicherweise war das auch, was mich in den Nächten vor dem Tripp zunehmend wach gehalten hat. Dank des Interrail Passes ist man halbwegs flexibel, aber das hilft einem bei der Eurostar-Reservierung nicht weiter und wenn man 16h unterwegs ist, kommt man auch an die Fahrplangrenzen, wo der letzte Zug des Tages dann einfach mal weg ist. Es bleibt einem nicht viel anders übrig, als darauf zu hoffen, dass die Verbindungen die man sich rausgesucht haben, auch funktionieren.

Bei unserer Reise haben wir alle Züge bekommen, die wir bekommen wollten, trotz des z.B. eher optimistischen Umsteigezeitfensters von gerade mal 25 Minuten in London. Der Eurostar hält im Bahnhof St. Pancras und die Anbindung für die Fernzüge läuft offenbar über Euston – warum auch immer. Offiziell wird einem an dieser Stelle die Fahrt mit der U-Bahn vorgeschlagen (etwa 40min), man kann die zwei Straßen aber auch einfach in 10-15min laufen.

Einen kritischeren Moment hatten wir auf dem Rückweg, als der Eurostar sich Zeit ließ und wir so nur noch 3 Minuten hatten, um in Brüssel unseren ICE nach Köln zu bekommen. Ich gebe zu, das hat wenig Spaß gemacht, über die Bahnsteige zu joggen, hat aber geklappt. Und vielleicht war die Verbindung mit knappen 15min Umsteigezeit etwas optimistisch geplant. Zumal man in Brüssel gut aufstocken kann, was Süßkram angeht, wenn man ein paar Minuten Zeit übrig hat. Das sollte man bei der Planung berücksichtigen.

Die größte Verspätung hatte unser letzter ICE nach Berlin der mit 30 Minuten Verspätung im Hauptbahnhof ankam. Das war doof, aber da es der letzte Zug für uns war, waren wir sehr nachsichtig.

Im Vergleich zum Flugzeug klingt das natürlich erstmal riskant und umständlich, was ich aber nur so halb gelten lasse. Nun müssen wir hier zum Vergleich einen Direktflug heranziehen, weil das zwischen Berlin und Manchester einfach die logische Verbindung ist. Daher kann ich jetzt kaum argumentieren, dass ich auch beim Umsteigen von einem Flugzeug ins andere auch schon mal durch den Flughafen rennen musste. Aber generell können sich auch Flugzeuge verspäten und natürlich auch alle Verkehrsmittel, auf die man auf der gesamten Reise so angewiesen ist. Der Bus nach Tegel steht gerne mal im Stau und die Abfertigung an den Flughäfen zieht sich ja in letzter Zeit auch gern in die Länge. Hinzu kommen noch so Sachen wie Fluglotsten- oder Pilotenstreiks und das Wetter, da würde ich Zug und Flieger in Sachen Verlässlichkeit einfach mal gleich auf sehen.

Was könnte besser laufen?

Tja, wo soll man da anfangen? Beim Preis vielleicht. Bahnfahren sollte billiger sein als Fliegen, aber wir leben gerade in komischen Zeiten.

Die andere offensichtliche Sache ist wohl das mit der Zuverlässigkeit. Auch wenn wir jetzt keine großen Probleme hatten, wirklich rund lief dann auch nicht alles. In Köln wurde uns z.B. mit Nachdruck eine umgekehrte Wagenreihung angesagt und angezeigt, die dann aber gar nicht stattgefunden hat. Das war etwas bizarr und es fällt schwer, für sowas Verständnis aufzubringen.

Aber wenn wir Bahnfahren wirklich großflächig als Alternative zum Fliegen etablieren wollen, dann müssten sich noch viel mehr Dinge ändern. Kurz gesagt: Es müsste viel einfacher werden. Eigentlich alles daran. Aber fangen wir mal beim Buchen an: Warum kann ich nicht gesamteuropäisch alles über eine Plattform/App buchen und reservieren? In unserem Fall waren wir mit drei verschiedenen Anbietern beschäftigt: Interrail für Pass und die Eurostar-Reservierung, Deutsche Bahn für die ICE-Reservierung und Trainline UK für die Verbindungen in UK.

Die ganze Kommunikation während der Reise müsste auch besser ablaufen. Im letzten ICE, der mit den 30 Minuten Verspätung, konnte ich eine Zugbegleiterin beobachten, wie sie den Gästen sehr engagiert und kreativ Tipps gegeben hat, wie sie ihre Anschlüsse kriegen können. Da waren so Informationen dabei wie: „Da ist ein ICE, der hat schon 70 Minuten Verspätung und wenn sie in Wagen 31 aussteigen, dann können sie direkt rüber aufs andere Gleis und können den vielleicht noch schaffen.“ Oder: „Sie brauchen sich nicht beeilen, wir haben gefunkt und gesagt, dass hier viele Gäste sind, die mitfahren müssen.“ Das war sehr vorbildlich, hilft einem aber auch nicht weiter, wenn man an weniger engagiertes Personal gerät oder die Zugbegleiter gerade woanders beschäftigt sind. Wenn man diese Echtzeitdaten digitalisiert, dann wissen die Systeme, auf welche Verbindungen die Fahrgäste angewiesen sind. Züge können dann etwa flexibler warten oder die Gäste können sich einfacher eine alternative Verbindung raussuchen und so weiter.

Die App von Trainline UK fragt z.B. ob in dem Zug, den man gerade bestiegen hat, noch Sitzplätze frei sind, um anderen Gästen in Echtzeit die Auslastung der Züge anzuzeigen. Keine Ahnung, ob sich dieses Feature noch eleganter lösen ließe, aber solche Funktionen sollte man europaweit standardisieren.

Eine andere Sache ist die Gepäckaufbewahrung. Wenn so ein Zug wirklich voll ist und jeder auch noch schwere Koffer dabei hat, dann wird’s etwas eng. Ich habe keine Idee, wie man das wirklich lösen kann, aber mein Gefühl sagt mir, dass hier noch Potential besteht. Vielleicht wäre es cool, das Gepäck für längere Reisen einzuchecken, wie beim Fliegen. Vielleicht auch nicht, dann müsste aber in einigen Zügen noch mehr getan werden, um Platz für alle zu schaffen.

Wie war’s denn so?

Ehrlich gesagt empfand ich die Reise als recht entspannt und angenehm. Man sitzt lange rum, aber das fühlt sich anders an, als im Flieger, weil man ja doch nicht so eingezwängt wird. Das Umsteigen alle paar Stunden hilft, den Kreislauf immer mal wieder in Schwung zu bringen und sonst hat man halt seine Ruhe. Beim Fliegen verbringt man sehr viel Zeit, die man irgendwo ansteht oder wo man auf irgendwas wartet. Man kann einiges davon sicher auch irgendwie angenehm gestalten, aber die meiste Zeit davon fühlt sich irgendwie verloren an. Beim Zugfahren steigt man ein und kann dann tun, was man will. Lesen, Podcast hören, Serien schauen, zocken. Die einzige Unterbrechung ist die Fahrkartenkontrolle.

Am Ende bin ich auch einigermaßen erleichtert, dass unser Plan soweit aufgegangen ist. Trotz aller Umstände bleibt unterm Strich wirklich nur die längere Reisezeit als wirklich signifikanter Unterschied zur Flugreise bestehen. Für Reisen innerhalb Europas ist der Zug eine sehr realistische Alternative.

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