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Prag – Die Goldene Stadt

„Wie lange seid ihr in Prag?“
„Sechs Tage.“
„Und was kann man so lange in Prag machen?“
„…“

So oder ähnlich verlief ein Gespräch, das ich vor meiner Abreise mit einem Kollegen geführt habe. Nachdem ich die sechs Tage Prag hinter mich gebracht habe, hätte ich einige Antworten auf die Frage parat.


Karlsbrücke

Die goldene Stadt trägt diesen Titel nicht, weil sie grau, langweilig und hässlich ist. Ganz im Gegenteil, gleich nach Rom würde ich Prag zur zweitschönsten Stadt Europas küren. Zugegebenermaßen offenbart sich diese Schönheit nicht auf den ersten Blick, wenn man mit dem Zug durch die weniger schönen Neubauten der kommunistischen Ära anreist. Aber wenn man sich mal dem Zentrum genähert hat, dann erliegt man unweigerlich dem Zauber der Stadt.


Altstädter Ring

Ich bin kein Physiker, aber ich könnte mir vorstellen, dass Prag auf einem Nexus der Raum-Zeit-Krümmung  errichtet worden ist. Nur so oder ähnlich lässt es sich erklären, dass Prag innen drin viel größer ist, als es von außen aussieht. Soll heißen: Prag ist klein, die Altstadt lässt sich in 20 Minuten komplett zu Fuß durchqueren. Auf der anderen Seite: Prag ist riesig, man kann die Altstadt auf unendlich vielen verschiedenen Wegen durchqueren und dabei jedesmal wieder etwas Neues entdecken.


Jan-Hus-Statue

Das Zentrum der Altstadt ist der Altstädter Ring und auch wenn der Platz der reinste Touri-Magnet ist, kommt man unweigerlich immer wieder dort vorbei, wenn man in der Gegend unterwegs ist und irgendwie ist man jedesmal aufs Neue beeindruckt, dass sich plötzlich ein recht großer weiter Platz vor einem auftut, während der Rest der Stadt aus kleinen, engen und verschlungenen Gassen besteht.


Karlsbrücke

Das nächste Highlight, um das man sehr oft nicht drumrum kommt, ist die Karlsbrücke. Ich könnte wetten, dass man die Menschen auf diesem Planeten, die Prag besucht und dabei kein Foto von der Karlsbrücke geschossen haben, an einer Hand abzählen kann. Zwei würd ich sagen. Alle kommen hier her und immer gleichzeitig, wie es scheint.


Musiker auf der Karlsbrücke

Die Brücke wird zur Zeit gerade modernisiert, daher störten einige Baugerüste unser Panorama. Entgegen meiner Vermutung handelt es sich bei den Arbeiten jedoch nicht um eine Spurverbreiterung, um den Touristenmassen entgegenzuwirken. Offenbar ist man noch dabei, final zu klären, aus welchem Material die Brücke ursprünglich gebaut wurde. Stand 2009 war man noch der Meinung, dass rohe Eier ein wesentlicher Bestandteil der Baumaterialien waren. Heute, im Jahre 2010, wird dies jedoch wieder dementiert. Freuen wir uns auf neue Erkenntnisse in 2011.


Prager Burg

Pflichtprogramm für alle Prag-Reisenden spätestens am zweiten Tag ist die Prager Burg, die prominent auf dem Hradschin trohnt und so ziemlich omnipräsent auf allen Panorama-Fotos auftaucht. Um ein Haar wären wir dort unseren Sitznachbarinnen aus dem Zug in die Arme gelaufen.


Vor dem Loretoheiligtum

Auch für die sogenannte Kleinseite Prags – also der Teil, der westlich der Moldau liegt – gilt das oben genannte Größenverhältnis. Verschlungene Gassen führen vorbei an Klostern, Kirchen, Gärten und irgendwann steht man plötzlich auf einem der Burghöfe. Und das Innere der Burg ist dann wieder genauso verwinkelt im Kleinen, wie die Stadt im Großen.


Wachablösung am Nordtor

Der eine Hof beherbergt die Kapelle, der nächste einen Dom und eine Basilika, dann gehts da rechts zu dem Königspalast durch enge verwinkelte Gänge und Korridore und auf einmal steht man im riesigen Reitersaal der seinerzeit für Reitturniere genutzt wurde. Reitturniere! In einem ansonsten engen Gemäuer! Das Kleine im Großen und so.


Vladislav-Saal – Der Reitersaal

Jeder Zentimeter atmet Geschichte. Durch eine Treppe gelangt man in die Böhmische Kanzlei und in jedem Zimmer fragt man sich unwillkürlich: Ist das das Fenster? Und warum eigentlich überhaupt Fenster? Hätte man die Leute nicht viel schöner von den Terrassen mit wunderschönem Panorama-Blick werfen können, die es dort scheinbar unzählig gibt? Aber das war wahrscheinlich eine Marketingentscheidung, Prager Terrassensturz klingt einfach nicht catchy genug.


Goldenes Gässchen – Das blaue Haus ist die Nummer 22

Und weil das alles noch nicht genug ist, gibt es kurz vor Schluss noch das obligatorische Goldene Gässchen. Keine Sorge, die Häuser sehen nur von außen so klein aus, innen ist es – wie sollte es anders sein – viel geräumiger als man glauben mag. Immerhin haben sie heutzutage Souvenir-Shops da drin eingerichtet, in die mehrere Menschen gleichzeitig reinpassen. Für Kafka muss das damals ein Palast gewesen sein, als er in der Nummer 22 lebte und arbeitete.


Gleichnis mit einem Totenkopf

In der Burg gibt es noch mehr, Museen und Ausstellungen und Türme und Räume und Gassen, aber nur Chuck Norris könnte sich alles in einem Prag-Urlaub anschauen. Also haben wir uns auch noch andere Sehenswürdigkeiten angeschaut.


Jubiläumssynagoge von Innen

Von den unzähligen Synagogen, die in Prag verstreut liegen, haben wir uns zwei angeschaut, die Altneusynagoge – lacht nicht, die heißt so! – und die Jubiläumssynagoge. Ich mach mir ja nicht so viel aus Religion und die Bauwerke an sich sind auch eher schlicht, vor allem wenn man sie mit den christlichen Gegenstücken vergleicht. Aber die Geschichte des Jüdischen Prags ist leider im negativen Sinne herausragend, so dass es durchaus horizonterweiternd ist, einen Blick zu riskieren.


Der neue Jüdische Friedhof

Dazu gehört auch der jüdische Friedhof, der einem immerhin eine angenehme Auszeit von der hektischen Unruhe der Stadt bietet. In idyllischer Stille kann man zwischen den malerischen Grabsteinen spazieren und etwas in sich gehen. Oder schöne Fotos machen. Und zu guter Letzt kommt man auch dort an Kafka nicht vorbei.


Das Grab von Franz Kafka

Wer es lieber luftig mag, sollte sich die verschiedenen Aussichtspunkte der Stadt nicht entgehen lassen. Direkt an der Karslbrücke bietet der Altstädter Brückenturm eine Aussicht auf Dachhöhe der umliegenden Kirchen und Türmen und so weiter. Wenn die Bauarbeiten an der Karlsbrücke mal abgeschlossen sind, bietet er auch einen schönen Blick auf die Brücke, die Moldau und bereits jetzt schon über die schönsten Ecken der Touristenhochburg.


Blick auf die Moldau und den Hradschin von der Hochburg aus

Apropos Hochburg: Im Süden der Stadt befindet sich die Vyshrad – die Hochburg. Sie wird auch Smetanas Märchenschloss genannt. Angeblich hat die schlauste der drei Töchter des Stammesführer Krok im 7. Jahrhundert an dieser Stelle die Entstehung einer mächtigen Stadt vorhergesagt, daraufhin einen Pflüger namens Premysl geheiratet und damit die Dynastie der Premysliden begründet, die dann ein paar Jahrhunderte erfolgreich in der Gegend herrschten und tatsächlich die Grundmauern für eine mächtige Stadt gelegt haben. Smetana hat dieser schlauen Tochter seine Oper Libuse gewidmet.


Innerhalb der Hochburg

Abseits der historischen Bedeutung dieses Ortes bietet er auch einen hervorragenden Blick über die Stadt und die Moldau. Aber trotz dieser exponierten Lage wagen offenbar nur wenige den anstrengenden Aufstieg, man hat also mal wieder etwas Ruhe vor der Hektik und Lautstärke der Stadt. Der innen liegende Park ist gut abgeschirmt vor jeglichem Lärm und bietet mit dem Gotischen Keller, den Kasematten, dem Ehrenfriedhof und gleich drei Kirchen auch wieder genug zu entdecken.


Die Stufen des Prager Eiffelturms

Etwas weiter nach oben führen einen die Stufen des Prager Eiffelturms. Es muss ein Augenblick des Größenwahns gewesen sein, der die Prager dazu veranlasste, sich einen Eiffelturm hinzustellen. Aber es ist ihnen auch wiederum gelungen, den Turm halbwegs dezent in das Stadtbild zu integrieren oder besser gesagt, ihn aus dem Stadtbild fernzuhalten.


Der Prager Eiffelturm

Ganz im Gegensatz zum Prager Fernsehturm, der sich in seiner ganzen hässlichen Pracht geradezu aufdrängt. Man sieht ihn von überall und immer strahlt er diese kommunistische Muffigkeit aus, die den meisten Bauwerken aus jener Zeit anhaftet.


Aussicht vom Prager Eiffelturm – Panorama der Stadt mit Fernsehturm

Ehrlich gesagt frage ich mich auch nach der Daseinsberechtigung dieser Monstrosität: Selbst der Ausblick von oben ist es nicht wert, das Ding stehen zu lassen. Prag ist wunderschön, wenn man eine gewisse Nähe wahrt, in der die Konturen erkennbar bleiben. Aber in 100 Metern Höhe gibt es keine Konturen mehr. Alles verschwimmt zu Brei.


Aussicht vom Fernsehturm

Der einzige Grund, das Bauwerk stehen zu lassen, heißt Miminka. So heißt das Kunstwerk, dass der Künstler David ?erný dem Bauwerk hinzugefügt hat: Riesige bronzene – nun ja, eher schwarze – Babyfiguren, die den Turm hochkrabbeln und noch aus weiter Ferne erkennbar sind. Irgendwie gruselig, aber auch sehr Prag. Überhaupt: ?erný. Selbst für einen Kunstbanausen wie mich ist erkennbar, wie unglaublich cool ein moderner Künstler auf ein historisches Stadtbild einwirken kann.


Miminka – Babies am Fernsehturm

Seine Werke sind überall in der Stadt verteilt, früher oder später wird man ihnen begegnen, auch wenn einem das erst hinterher auffällt. So ist es uns mit Hanging Out ergangen. Sigmund Freud, wie er in 15 Metern Höhe über einer Gasse hängt und amüsiert das Treiben unter sich beobachtet. Ein Bild davon findet sich in jedem Reiseführer und wir sind seit dem ersten Tag bestimmt ein halbes Dutzend mal daran vorbeigelaufen. Gesehen haben wir die Skulptur jedoch erst, nachdem wir am vorletzten Tag explizit nach ihr gesucht haben und selbst das war nicht so einfach.


Hanging Out

Der heilige Wenzel, der auf einem umgedreht hängenden Pferd reitet – schlicht Pferd genannt – ist ein weiteres seiner Werke, dass mir unter die Linse kam. Die laufenden Trabbies mit der ?erný die Geschehnisse von 1989 kommentiert, haben wir leider verpasst.


Pferd

Wenn man sich an der Stadt satt gesehen hat, sollte man sich hin und wieder auch satt essen. (Sorry für diese wirklich miese Überleitung!) Wie es sich für eine Hauptstadt gehört, ist auch in Prag für jeden kulinarischen Anspruch etwas vorhanden. Fast jedes Café bietet zusätzlich zum meist hervorrangenden Kaffee auch etwas Essbares und fast jede Kneipe bietet zusätzlich zum meist immer hervorragenden Bier auch etwas Essbares.


Palais Lokowicz Café in der Prager Burg

Die traditionelle tschechische Küche würde ich jetzt spontan in die Richtung Hausmannskost einordnen, also tendenziell eher deftig mit viel Fleisch, aber soweit ich das erleben durfte immer sehr lecker. In der Literatur wird immer wieder vor der Unfreundlichkeit der Angestellten in der tschechischen Gastronomie gewarnt. Nun, ich möchte das an dieser Stelle entschieden dementieren.


Kaffee im Repräsentationshaus

Wir wurden immer höflich und nett bedient. Im Lokal gibt es die Speisekarte nur auf tschechisch, aber bei beiden Besuchen hat sich jeweils ein Kellner die Zeit genommen Gericht für Gericht für uns zu übersetzen. Im Cafe Kaaba muss bei unserem ersten Besuch irgendwas in der Küche gründlich schief gegangen sein, so dass die Hälfte unserer Reisegruppe kein Frühstück bekam. Als die Zeit drängte und wir nicht länger warten wollten, wurde uns das bereits verzehrte Frühstück inklusive Kaffee als Entschädigung ausgegeben. Nur zwei Beispiele, die positiv herausragten, negativ aufgefallen ist uns keines der Restaurants oder Cafes.


Lokal

Wer gerne ansehnliche Teile seines Jahresgehaltes in ein einziges Abendessen investiert, wird auch in Prag ein passendes Etablissement finden. Das La Degustation Bohême Bourgeoise bietet tschechische Küche auf Michelin-Stern-Niveau in täglich wechselnden und an die Saison angepassten Sieben-Gänge-Menüs mit korrespendierenden Weinen zu jedem Gang. Selbstverständlich mit Zutaten frisch aus der Region und ökologisch verträglich angebaut. Und ja, es ist tatsächlich so gut, wie es klingt und trotz der gehobenen Zielgruppe, zu der ich mich nicht zähle, ein Ort an dem man sich auch in T-Shirt und Jeans wohlfühlen kann.


Espresso

Ich könnte an dieser Stelle anfangen über die tschechischen Weine zu schwärmen, die uns an diesem letzten Abend verzauberten. Aber das wäre ziemlich dreist von mir. Es ist sowie schon dreist, weit über 1500 Worte über Prag zu schreiben, ohne ausführlichst die tschechische Braukunst zu würdigen. Dabei kommt man am tschechischen Bier faktisch gar nicht vorbei: In den meisten Lokalen reicht ein beiläufiges Nicken und schon stehen zwei halbe Liter frisch gezapftes Bier auf dem Tisch. Und wirklich jeder noch so kleine Laden hat eine Zapfanlage rumstehen, selbst in unserem Hostel standen gleich sieben verschiedene Sorten zur Auswahl.


Hervorragendes Bier selbst in unserem Hostel, dem Czech Inn

Wenn meine Zählung stimmt, habe ich in der Woche um die zehn verschiedenen Biersorten verkostet und ich könnte mich nicht entscheiden, welche die bessere war. Zu dem richtigen Biererlebnis gehört im Erfinderland des Pils selbstverständlich auch das Ambiente und das beste Ambiente bot uns die kleine Kneipe direkt gegenüber des Loretoheiligtums auf dem Hradschin. Der Laden heißt Pivnice U Cerneho Vola – Schwarzer Ochse und sieht genau so aus, wie ich mir eine typische urige Kneipe in Prag vorgestellt habe, einschließlich des mürrischen wortkargen Kellners, der aber am Ende doch aus der Rolle gefallen ist und uns mit einem Lächeln verabschiedet hat.


Pivnice U Cerneho Vola – Schwarzer Ochse

Die klostereigene Brauherei im Strahov Kloster ist ebenfalls einen Besuch wert, zwar schon allein wegen der Lage etwas touristischer, aber das Bier ist hervorragend und man kann sich dort immer noch wohlfühlen. Ganz im Gegensatz zum U Flekú, vor dem ich hier eindringlich warnen möchte. Es gibt ja Reiseführer, die den Laden als Tipp führen und neben Wenzelsplatz und Karlsbrücke ist das U Flekú eines der ersten Dinge, die vielen zu Prag einfällt. Allein, mir erschließt sich nicht warum!? Mit der Blaskapelle und schunkelnden Touri-Horden erinnerte mich das eher an Oktoberfest, aber keinesfalls an den gepriesenen urigen Charme mit Tradition.


Kloster Strahov

Bezeichnenderweise war das auch der einzige Laden, in dem uns das Personal negativ auffiel: Man versucht den Leuten dort das Geld aus der Tasche zu ziehen, in dem man einen Becherovka scheinbar als Willkommensgeschenk anbietet. Klar, dass der hinterher auf der Rechnung auftaucht und nicht gerade billig ist. Wir waren gewarnt, haben auch abgelehnt, aber der Kellner hat es mit einer Penetranz weiter probiert, die schon fast an Nötigung grenzte. Das Bier war Ok, aber wie gesagt, das Ambiente zählt und insofern kann ich nur abraten von dem Laden. Man kann überall in Prag angenehmer Bier trinken.


Das jüdische Prag

Zu den ernsteren Seiten der Goldenen Stadt gehört das sogenannte Jüdische Prag. Wenn man einen leichten und amüsanten Einstieg in das Thema haben möchte, dann fängt man am Besten mit dem Rudolfinum an. Hier ereignete sich in der Zeit des nazideutschen Protektorats folgende Geschichte: Dem Reichsprotektor Heydrich fiel nach einem Mozart-Konzert auf, dass sich unter der Statuen auf dem Dach der jüdische Komponist Felix Mendelssohn-Bartholdy befand. Er befahl, dass die Statue entfernt wird. Aber weder die tschechischen Arbeiter, die auf das Dach geschickt wurden, noch die SS-Mitglieder, die den Befehl von Heydrich erhielten, wussten, wie Mendelssohn aussah. Kurzerhand sollte der Komponist mit der größten Nase entfernt werden, doch das war ausgerechnet Nazi-Liebling Richard Wagner.

Um diese zunächst noch lustige Anekdote rankt sich der empfehlenswerte Roman Mendelssohn auf dem Dach von Jiri Weil. Was zunächst amüsant beginnt und den ganzen nationalsozialistischen Irrsinn vor Augen führt, führt früher oder später in die Festungsstadt Theresienstadt, die in den Nazi-Jahren als Judenghetto missbraucht wurde.


Theresienstadt

Theresienstadt liegt etwa eine Busstunde nördlich von Prag. Rund um das Thema An- und Abreise findet man einige abschreckende Geschichten im Netz, die von nicht erscheinenden Bussen und unverständlichen Fahrplänen berichten. Um auf Nummer sicher zu gehen, sollte man sich vorher ausführlich über den Fahrplan informieren und vielleicht etwas großzügiger planen. Internet und die Rezeption des Hotels oder Hostels helfen hier weiter. Wir hatten dankenswerterweise keine Probleme und sogar das Glück auf der Hinfahrt einen klimatisierten Bus mit freiem WLAN (!) zu bekommen.


Theresienstadt – Vor der Mauer befinden sich Reste der Gleise

Auf den ersten Blick war ich von Theresienstadt etwas enttäuscht. Eine Festungsstadt hatte ich mir kleiner und enger vorgestellt, eben wie eine Burg, mit hohen Mauern und großen Burganlagen. Es ist aber nur eine relativ weitläufige Kleinstadt, die von massiven Mauern umgeben ist. In der Stadt sind einige Museen, Ausstellungen und Originalschauplätze verteilt, die einem den Wahnsinn viel zu anschaulich vor Augen führen. Am beklemmensten waren die Kinderzeichnungen, die den Krieg überstanden haben. Im Gegensatz zu den Zeichnern. Es ist ein seltsammes Gefühl, durch einen Ort zu laufen mit dem Wissen, was sich dort abgespielt hat.


Der Ententeich – Kulisse für Hinrichtungen

Ich habe mich die ganze Zeit gefragt, wie es für die Einwohner ist, in so einem Ort zu leben. Um die Synagoge – eher Gebetsraum – zu sehen, muss man an einem Privathaus klingeln, woraufhin einen der Eigentümer durch den Hinterhof in eine kleine Kammer führt. Der leere Raum misst vielleicht 8 m², hat eine niedrig hängende Decke an der man noch die detaillierten und farbenfrohen Zeichnungen erkennen kann. Ein kleines Refugium, dass nur heimlich entstehen und bewahrt werden konnte. Ich war beeindruckt, was Menschen auf die Beine stellen können, obwohl sie nichts hatten und noch weniger durften.


Wiederverwendbare Särge

An anderer Stelle kann man noch Reste der Gleisanlage sehen, die von den Häftlingen gebaut wurde. Theresienstadt war ein Durchgangslager in dem die Juden aus allen Teilen Europas zunächst konzentriert wurden, um schließlich mit Zügen in Vernichtungslager wie Ausschwitz transportiert zu werden. Anfangs mussten die für den Transport vorgesehenen Juden bis zum nächsten Bahnhof marschieren, aber das war den Nazis zu auffällig und ineffizient. Daher wurden die Gleise bis direkt in die Stadt gelegt und selbstverständlich wurden die Insassen selbst gezwungen, selbst für die Optimierung ihrer Vernichtung zu sorgen. Der Bau einer Gaskammer vor Ort konnte immerhin erfolgreich genug sabotiert werden, dass sie bis Kriegsende nicht fertiggestellt werden konnte.


Eingang zur kleinen Festung

Außerhalb der Festungsstadt befindet sich die vorgelagerte Kleine Festung, die schon vor dem zweiten Weltkrieg als Gefängnis gedient hat. Die Nazis haben das natürlich ausgenutzt und viel weiter getrieben. Hier sieht man noch viele Räume und Häuser im Originalzustand. Eigentlich ist die Kleine Festung eine recht ansehnliche mittelalterliche Verteidigungsanlage. An einer Stelle führt einen der Weg durch einen 500 Meter langen dunklen und engen Versorgungstunnel. Das ist recht beeindruckend und nichts für Klaustrophobiker.  Aber dann sieht man die Zellen, die zum Teil noch im Originalzustand sind, den Galgen, das Mahnmal vor dem Massengrab und das unvermeidliche Arbeit macht frei über dem Eingang zum ersten Hof.


Kleine Festung – Der erste Hof

Der Ausflug nach Theresienstadt ist anstrengend und das nicht nur wegen der langen Wege und der Hitze. Aber es hat sich gelohnt und vor dem Hintergrund diverser Nazi-Demos, die ausgerechnet in Deutschland genehmigt und durchgeführt werden, halte ich es für unerlässlich, die Geschichte nicht in Vergessenheit geraten zu lassen.


Massenzellen – Stauraum für bis zu 90 Menschen

Damit endet mein kleiner Reisebericht aus der goldenen Stadt. Danke an alle, die bis hier durchgehalten haben. Die vollständige Bildergalerie gibt es hier.

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Kommentar

  1. Nun, da schreib ich doch mal wieder was Positives in Deinen Blog. Auch wenn dieser Bericht bereits von der ersten Seite verschwunden ist, so hatte ich doch heute die Zeit in vollständig zu lesen. Sehr schön geschrieben und informativ.

  2. Hallo! Naja, ich persönlich finde sechs Tage für Prag ja eher zu wenig als zu viel. „Was kann man da machen?“… Die Stadt ist so groß und es gibt soviel zu sehen, Kirchen, Kathedralen, Museen, andere Sehenswürdigkeiten, die Karlsbrücke, der Dom. Da schafft man in sechs Tagen nichtmal alles. Die tschechische Küche sollte man auch unbedingt mal gekostet haben. 😉

Webmentions

  • Fernsehturm | Cell Smart Phone 15. Mai 2011

    […] Prag – Die Goldene Stadt […]

  • Tweets die sixumbrellas » Blog Archiv » Prag – Die Goldene Stadt erwähnt -- Topsy.com 15. Mai 2011

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